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(14.12.2004 )
Ein Kuss, der ein Leben
korrigierte
„Geh mir aus den Augen“, sagt sein
Vater. Und Hamudi aus Libanon, der Schrecken des Viertels, schafft,
was so wenige schaffen: Mit 15 verlässt er seine Neuköllner Gang und
beginnt ein Leben ohne Kriminalität
Von Katja
Füchsel
Sein Vater schaut kaum auf, als der Junge morgens
mit weichen Knien das Wohnzimmer betritt. Die Verachtung des Alten
ist fast greifbar. Mohammed El-Ahmad schießen die Tränen in die
Augen, er beugt sich nieder, nimmt die Hand des Vaters, führt sie
erst an den Mund, dann an die Stirn. Noch nie hat Mohammed El-Ahmad
so um Verzeihung gebeten, und da ahnt sein Vater, dass es dem Jungen
diesmal Ernst ist. Dass er seinen Sohn gestern vielleicht wirklich
zum letzten Mal vom Polizeirevier abholen musste.
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Einbürgerung nur gegen Eid aufs Grundgesetz?
| | Drei
Jahre sind seit diesem Kuss vergangen. „In der Zeit war nichts, gar
nichts“, sagt Mohammed El-Ahmad. Auf dem Kopf des 18-Jährigen
kräuseln sich die schwarzen Locken, den Rest der Haare trägt er kurz
rasiert. Er lacht, nimmt seinen Ball, dribbelt ein paar Schritte und
springt hinauf zum Korb. Die Kinder am Klettergerüst nebenan
beachten ihn gar nicht. Einst war El-Ahmad hier gefürchtet. Der
Spielplatz an der Mittelstraße gehörte zu seinem Revier. Hier traf
sich jeden Tag seine Bande, die es auf anderer Leute Geld abgesehen
hatte, auf tragbare CD-Player oder einfach nur auf Randale: die
Arabischen Gangster Boys.
Im seinem Kiez zwischen Karl-Marx-
und Hermannstraße im Berliner Stadtbezirk Neukölln nennen El-Ahmad
alle nur Hamudi – es ist die Koseform für Mohammed. Seit dem Mord an
dem Künstler Theo van Gogh in den Niederlanden bekommen sie hier
wieder öfter Besuch von Journalisten und Kamerateams. Wenn so etwas
wie in Holland auch in Deutschland passierte, da sind sich
Politiker, Polizei und Soziologen einig, dann in einem Viertel wie
Neukölln-Nord. Es ist ein Ort der traurigen Berliner Rekorde: Bei
der Armut, der Arbeitslosigkeit, dem Ausländeranteil, der
Verbrechensrate und den Schulabbrechern – die Gegend südlich des
Hermannplatzes gehört immer zur Spitze. „Wenn wir die Probleme nicht
anpacken, fliegt uns der soziale Sprengstoff um die Ohren“, hat
Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky schon vor Jahren gesagt.
Jetzt, nach dem Mord in Holland, wird er wieder gehört.
Als
wollten sich die Jugendlichen mit den Spraydosen ihrer Existenz
versichern: Graffiti auf den Bänken, tags auf dem Klettergerüst.
Hamudi muss nachher noch zum Fußballtraining, er trägt schwarze
Sportsachen. Er zeigt auf einen Tisch aus Stein: „Hier haben wir uns
damals verewigt.“ Die Jungen haben mit dem Hammer auf die Platte
eingedroschen bis ihnen der Arm lahm wurde, dafür kriegt die
eingemeißelten Initialen kein Putztrupp weg: H, K, N, C.
Man
könnte aus Neukölln-Nord endlos Zahlen und Statistiken anführen –
oder sich einfach Hamudis Leben anschauen. Der Junge kann gerade
laufen, als die Eltern vor dem Bürgerkrieg in Libanon flüchten. Sein
Vater, Taxifahrer, findet in Berlin keine feste Arbeit. Seine Mutter
ist 16, als sie im Libanon ihr erstes Kind bekommt – die nächsten
sechs folgen fast im Jahrestakt. Die Familie zieht nach Neukölln und
hier immer wieder um. „In der einen Wohnung gab’s Ratten, in der
nächsten Kakerlaken, dann Schimmel“, sagt Hamudi. Sein Vater spricht
bis heute kein Deutsch, in Neukölln braucht er das auch nicht; hier
haben sich arabische Ärzte niedergelassen, Anwälte, Banken, Optiker,
Bäcker. Immerhin, El-Ahmad senior achtet darauf, dass seine Kinder
die Sprache des neuen Heimatlandes lernen.
Auch wenn das Geld
gerade zum Leben reicht, zählt Hamudi fast schon zu den
Privilegierten im Kiez: Seine Eltern sorgen sich um ihn. „Der Vater
weiß ganz genau, was er für seine Kinder will“, sagt Ernst Busch,
Erzieher, seit 23 Jahren im Freizeitzentrum „Mittelweg 30“. Es liegt
100 Meter von Hamudis Spielplatz entfernt. Zwei Drittel der
Jugendlichen im Mittelweg sind Kinder von Arabern, Türken, Kurden
oder Jugoslawen. Über den halbwüchsigen Hamudi sagt Busch: „Das war
der totale Oberstresser.“
Mohammed El-Ahmad ist zwölf, als er
eine Gang gründet. Nur wer zum festen Kreis gehört, 30 Jungen, darf
das Erkennungszeichen der Arabischen Gangster Boys tragen: zwei
rasierte schmale Streifen über dem rechten Ohr. Die Bande steckt ihr
Revier zwischen Thomasstraße, Körnerpark und Mittelweg ab, sie
pflegt ihre Begrüßungsrituale und duldet keine Mädchen in den
eigenen Reihen.
Die Gangster Boys schlagen kaputt, was sich
ihnen in den Weg stellt, sie stehlen und ziehen auf den Spielplätzen
die Jüngeren ab. Es gibt aber auch Tage, wo es der Bande nur um
Macht und Erniedrigung geht. Wenn Hamudi davon erzählt, klingt das
so: Vier fremde Jugendliche laufen durch den Körnerpark. „Ey,
Deutsche! Das sind Opfer!“ johlen die Gangster Boys da. Es endet in
einer Schlägerei.
Die Bande verbreitet Angst und Schrecken –
und zählt doch zu den ganz kleinen Lichtern im Kiez. „Wir haben in
Neukölln-Nord und Kreuzberg zehn arabische Großclans von etwa 500
bis 1000 Menschen, die alle der organisierten Kriminalität
nachgehen“, sagt Bürgermeister Buschkowsky. „Das sind
Parallelgesellschaften, in denen unsere Gesetze nicht gelten.“ Die
Großfamilien regeln ihre Streitigkeiten häufig unter sich, Anzeige
bei der Polizei zu erstatten widerspricht dem Ehrenkodex.
Reiner Zufall, dass bei den Prügeleien mit den anderen Gangs
nicht irgendwann einer liegen bleibt. Oder einer eine Waffe zieht.
Immer wieder wird Hamudi von der Polizei nach Hause gebracht, ist
aber noch zu jung, um von der Justiz belangt zu werden. Die
Ohrfeigen seines Vaters steckt Hamudi weg. Das Register der
Straftaten wächst weiter, auch ein Überfall auf ein Drogeriegeschäft
geht auf das Konto der Bande.
Mit 14 sitzt Hamudi nach einer
Schlägerei erstmals auf der Anklagebank. Es klingt, als hätte ihm
die Justiz einen lang gehegten Wunsch erfüllt: „Ich fand das cool,
wie im Film: mit Anwalt an der Seite und allem drum und dran.“ Bei
seinem zweiten Prozess – es geht um Raub – ist es mit der Lockerheit
vorbei, die Angst vor dem Gefängnis kriecht ihm in die Glieder. Aber
auch beim dritten Mal – einem Diebstahl – kommt Hamudi mit einer
Verwarnung davon.
Mit 15 hat Mohammed El-Ahmad erreicht, was
er sich einst ausgemalt hat: Er ist bei seinen Altersgenossen
gefürchtet, niemand legt sich mehr mit ihm an. Er liebt Bianca, doch
die Gang macht Bianca Angst. Im „Mittelweg 30“, seinem zweiten
Zuhause, folgt ein befristetes Hausverbot dem nächsten. Es ist ein
Sonnabend im Jahr 2001, als der Junge vor dem Freizeitzentrum steht
und um Einlass bettelt: Der Sportartikelhersteller Nike ist zu Gast,
hat Großbildleinwände aufgestellt und zum Turnier für Fußballspieler
und Basketballer geladen. „Das ist der besonderste Tag der Welt“,
bittet Hamudi, aber Ernst Busch steht breitbeinig in der Tür und
schüttelt den Kopf. Als Hamudi nach Hause läuft, fühlt er sich
plötzlich einsam, ausgestoßen, und es kommt noch dicker: Ein paar
Tage später muss der Vater Hamudi nach dem Diebstahl eines
Motorrollers neuerlich von der Polizeiwache abholen. Keine
Kopfnüsse, keine Predigt erwarten diesmal den Jungen. „Geh mir aus
den Augen“, sagt der Alte nur – den Rest seiner Botschaft versteht
Hamudi auch ohne Worte: Du bist eine Schande. Du hast deinen Vater
entehrt. „Es war ein eiskaltes Gefühl“, sagt der Sohn.
Es
folgt der Kuss am nächsten Morgen. Hamudi gelingt es tatsächlich,
sich von den Gangster Boys zu lösen und zieht dabei ein paar Freunde
gleich noch mit. „Die andere Hälfte der Gang sitzt heute im
Gefängnis“, sagt er. Zwei Bandenmitglieder haben einen Mann im
Rollstuhl totgeschlagen, ein anderer ist heute Junkie. Im
„Mittelweg“ muss Hamudi das oft erzählen, hier kümmert er sich jetzt
ehrenamtlich um die schwierigen Jungs. Er trainiert eine
Fußballmannschaft, hat mit seinen Freunden die Fassade des Hauses
neu gestrichen, beim Bau des Spielplatzes geholfen… Mitte November
hat die Berliner Initiative „Fenster der Gewalt“ Hamudi für seine
Zivilcourage ausgezeichnet.
Nach der Preisverleihung bietet
ihm Harley-Davidson in Kreuzberg eine Stelle als Kfz-Mechaniker an,
doch die Offerte hat einen Haken: Wie viele andere Berliner Betriebe
hat auch die Motorradwerkstatt zu wenig Geld für Auszubildende. Im
Arbeitsamt läuft Hamudi von einem Sacharbeiter zum nächsten –
vergebens: Keiner ist bereit, die Ausbildung zu finanzieren.
Also steht Hamudi mittags wieder im „Mittelweg“, gibt ein
wenig mit dem Basketball an. Ganz schnell hintereinander trifft der
Ball auf den Asphalt, Hamudi spielt ihn hinter sich, dann durch
seine Beine nach vorn und wieder zurück. Er ist heute noch immer mit
Bianca zusammen. „Manchmal bin ich echt stolz auf mich, wie ich das
alles geschafft habe“, sagt Mohammed El-Ahmad. Der schwerste Teil
des Weges dürfte noch vor ihm liegen.
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