Rundfunk Berlin Brandenburg

Kowalski trifft Schmidt



Beitrag Kowalski trifft Schmidt vom 08.12.2004

Leben auf der Straße


Mit 12 gründete der Libanese Mohamed El-Ahmad eine Straßengang: die Arabischen Gangster Boys. Ein Kiez in Berlin-Neukölln war ihr Revier. Mit 15 löste Mohamed seine Gang auf, holte den Hauptschulabschluss nach und arbeitet heute als „Ehrenamtlicher” in einem Jugendfreizeitheim.


Freizeitzentrum „Lessinghöhe“ in Berlin-Neukölln. Hier gelten feste Regeln, eine davon: Jeder der reinkommt, begrüßt alle anderen mit Handschlag. Höflichkeit für jedermann, dieselben Regeln für alle. Das war anfangs ein Lernprozess.

Uwe Gärtner
Polizeihauptkommissar
Wenn man das vergleicht mit dem, was hier war vor vier Jahren war, dann war das fast undenkbar, dass die Polizei hier reinmarschieren kann, es war undenkbar, dass wir mit den Jugendlichen untereinander quatschen konnten. Es gab immer Grenzen. Ich war immer der Schutzpolizist, der hat immer die Straftäter verfolgt, der hat immer die bösen Jugendlichen gejagt. Da es gab immer nur feste Positionen.

Einer von den "Bösen" war Mohammed El-Ahmed, Spitzname „Hamudi“. Mit zwölf Jahren hatte er seine eigene Gang.

Mohammed El-Ahmed
Also angefangen haben wir mit zehn Leuten. Wir waren alle Araber. Und dann haben wir überlegt. Es gibt hier so viele Gangs. Da müssen wir ein eigenes Revier machen, wir müssen unsere eigene Gang bauen und so. Und da haben wir überlegt, was wir uns für einen Namen geben können. Wir nannten uns AGB. Das A hier steht für "Arabische", das G für "Gangster" und das hier für "Boys".

Ihr Revier war der Kiez um den Körnerplatz in Neukölln, einem Berliner Bezirk mit vielen sozialen Problemen.

Mohammed El-Ahmed
Es durfte wirklich keiner hier reinkommen, den wir nicht kennen. Dann sind wir gleich hingegangen, haben gefragt, was macht ihr hier, trallala, blablabla. Und dann kam’s dazu, dass wir sie geschlagen haben. Und dann ihre Sachen weggenommen haben. Handy abgezogen und verkauft. Ja, solche Geschäfte haben wir gemacht. Oder wir haben Fahrräder geklaut und die verkauft. So ´ne Scheiße haben wir gemacht. Ja, für uns war cool, cool rum zulaufen. Dass heißt in Gangstersachen rum zu laufen, dass heißt Waffen mit sich zu tragen. Das heißt Ausdrücke zu sagen, also alles das, was man so in Filmen sieht. So hat man mehr Respekt. Dass man sagt, hey, wenn wir das machen, dann sind wir hoch angesehen. Auch die Mädchen natürlich. Wir haben auch was vor den Mädchen gezeigt. Wir haben uns vor den Mädchen geprügelt und so. Damit wir zeigen, hey, wir haben was drauf.

„I believe I can fly“ – das Lieblingslied der Gang. Nach drei Jahren Streetfighter-Karriere steigt „Hamudi“ aus, für ihn kein leichter Schritt. "Du Verräter, du Niete", wurde er von den anderen beschimpft. Er holt den Hauptschulabschluss nach und engagiert sich für die Arbeit im Kinder- und Jugendzentrum „Lessinghöhe“. Hier findet er neue Freunde, hier bekommt er Unterstützung. Das Jugendamt und das Bezirksamt haben gemeinsam mit der Polizei ein Netzwerk aufgebaut, das den Jugendlichen bei ihren Problemen hilft. Zum Konzept gehört auch das gemeinsame Training mit dem Polizeikommissar Micha, genannt "Klitschko". Warum macht er mit?

Michael Weichert
Polizeikommissar
Weil ich einmal Spaß am Sport habe, selber sehr viel Sport treibe. Und zum anderen weil ich der Meinung bin, das es für die Jugendlichen eine gute Abwechslung ist. Und eine Beschäftigung, eine Aufgabe für sich selber, um sich selber körperlich fit zu halten, eine gewisse körperliche Fitness aufzubauen. Wenn sie hier beim Sport sind, sind sie nicht draußen und machen irgendwelche Scheiße.

Die Erfolge sind greifbar. „Hamudi“ will in der „Lessinghöhe“ eine neue Fußballmannschaft aufbauen, um–wie vor einem Jahr-den "Fairplay-Pokal" der Jugendfreizeitheime zu bekommen. Und er will einen Beruf lernen.

Mohammed El-Ahmed
Mohammed ist mein Name. Ich komme von "Fenster der Gewalt" und ich habe gehört, sie bieten einen Praktikumsplatz hier an.

Für seine Zivilcourage hat ihn vor kurzem der Berliner Verein "Fenster der Gewalt" ausgezeichnet. Der Initiator dieses Projekts, Lothar Berg, will besonders engagierten Jugendlichen, die sich gegen Gewalt einsetzen, bei der Suche nach Praktikumsplätzen helfen.

Mohammed El-Ahmed
Mein Traum wäre, hier einen Ausbildungsplatz zu bekommen, ja, das wäre mein Traum, echt.

Vom Streetfighter zum guten Menschen, das verdankt „Hamudi“ auch seinem Vater, der seinen Sohn vor die Tür setzen wollte als er ihn wieder Mal bei der Polizei abholen musste.

Mohammed El-Ahmed
Das war... ich hätte schon fast anfangen können, zu heulen. Dass ich gesehen habe, was habe ich denn gemacht? Das alles für Nichts? Ich hab mir soviel verdorben, soviel kaputt gemacht, für nichts, für niemanden. Das war mein Leben, was ich vernichtet habe.

Beitrag von Thomas Metzkow


 
Serviceinformationen
 

Infos im Web:

Kinder-und Jugendzentrum Lessinghöhe
Mittelweg 30
12053 Berlin-Neukölln
Telefon 030-6873173




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