Berlin

Mittwoch, 17. November 2004

Wenn Worte über Fäuste siegen

Vier Berliner Jugendliche werden von "Fenster der Gewalt" für ihr couragiertes Handeln ausgezeichnet

Von Sylke Heun

Ganz geheuer war den vier Jugendlichen der Andrang nicht. Sie saßen gestern dicht beieinander im Café Breslau Fuego in Friedenau. Ihre Familien waren gekommen und viele Medienvertreter. Alle ihretwegen. "Unsere Helden", sagten der Schauspieler Frank Kessler und der Schriftsteller Lothar Berg von der Initiative "Fenster der Gewalt", sie ehrten die Jugendlichen, die in ihrem Alltag Zivilcourage bewiesen hatten. Sie bekamen dafür eine finanzielle Aufmerksamkeit und die Möglichkeit, bei Unternehmen Praktika zu absolvieren. Helden? Die vier schauten betreten zur Seite, so als wäre das ganz normal gewesen.

Fall 1: Mohammed El-Ahmad, den alle nur Hamudi nennen, gründet mit zwölf Jahren in Neukölln eine Straßengang und verbreitet unter Kindern und Jugendlichen Angst und Schrecken. "Diebstahl war ein Kick für uns", sagt der heute 18jährige; Prügel, Abziehen und Demütigungen sind an der Tagesordnung. Seine Zukunft scheint klar: "Für mich waren alle Spinner, die mich zur Vernunft bringen wollten." Als der Vater ihn mal wieder von der Polizeiwache abholen muß, straft er den Sohn zum ersten Mal statt mit Vorwürfen mit Nichtachtung und sagt: "Geh mir aus den Augen." Der Moment verändert Hamudis Leben. Er erinnert sich: "Es war ein eiskaltes Gefühl zu merken, daß mein Vater nicht stolz auf mich war." Zeitgleich bemerkt er, daß andere Jugendliche sich mit Respekt statt mit Angst begegnen. Hamudi beginnt umzudenken. Freiwillig engagiert er sich in der Jugendeinrichtung "Mittelweg 30", er bleibt friedlich und versucht zwischen anderen Streit zu schlichten. Es dauerte eine Weile, der Spott der anderen macht es ihm schwierig, aber schließlich begegnet ihm Vertrauen. "Von meiner Clique haben es nur ein paar kapiert, die meisten sitzen heute im Gefängnis." Hamudi dagegen arbeitet nach wie vor in der Jugendeinrichtung. Wie soll es weitergehen? Der gebürtige Libanese zuckt mit den Achseln. "Weiß ich noch nicht. Aber Sozialpädagoge ist ein cooler Job."

Fall 2: Arwed Schmidt (19) hat immer gedacht, "daß mir so was nicht passieren kann". Aber als der Abiturient am 30. Januar 2004 vor seiner Schule in Neukölln einen Schneemann baut und Jugendliche der Nachbarschule vorbeikommen, eskaliert die Situation. Einer will den Schneemann zertreten, Arwed stellt sich in den Weg und liegt plötzlich am Boden. "Sie waren 15 und ich war allein", sagt er. Obwohl er weiß, daß es Ärger geben wird, identifiziert er wenig später einige der Täter. "Die wurden mit Handschellen abgeführt, das war ziemlich demütigend", sagt er. Die Folge: Arwed wird bedroht, zweimal lauern ihm professionelle Schläger auf. Daß ihm nichts geschieht, verdankt er Freunden, die ihn fortan immer zu Hause abholen und nach der Schule begleiten. Nach dieser Erfahrung setzt Arwed sich für mehr Kommunikation zwischen den Schulen ein. Aus den ersten Treffen entstehen gemeinsame Projekte. Der Umgang ist jetzt friedvoller.

Fall 3: Vanessa Schloicka (16) aus Tempelhof und Kati Fels (17) aus Kreuzberg wissen, was Gewalt ist. Sie haben sie in ihren Familien erlebt und sie setzten sie selbst ein. Schubsen, prügeln, schlagen, "das volle Programm", sagen sie. Das ändert sich, als sie an die Werner-Stephan-Oberschule kommen. Sie werden beide Klassensprecherinnen und nehmen am Training zum Streitschlichter teil. Sie tragen Verantwortung, Selbstbewußtsein und Respekt ersetzen Angst und Gewalt. Vanessa: "Wenn mich einer angreift, würde ich wahrscheinlich immer noch zurückschlagen. Aber es passiert einfach nicht mehr."

Einkaufsangebote
 

Veranstaltungskalender mit Datenbankabfrage

366 Tage Berlin
366 Bilder aus Berlin

Ein Fotograf und seine Stadt. Die Herausforderung: Jeden Tag ein neues Bild

9. November 1989
Mauerfall

Vor 15 Jahren fiel die Mauer. Ein Erinnerungs-
Album

Fernsehprogramm

Juventus, Verein zum Schutz für Kinder und Jugend

Anzeigenmarkt
1087 Stellen
232263 Immobilien
845762 Autos
und: Kontakte, Wassersport
Anzeigenannahme